Lyrik

Gottfried Benn

Schöner Abend
Ich ging den kleinen Weg, den of begangenen,
und diesen Abend war er seltsam klar,
man sah ihn schon als einen herbstbefangenen,
obschon es mitten noch im Sommer war.

Die Himmelsblüte hatte weiße Dolden,
die Wolken blätterten ins Blau herab,
auch arme Leute wurden golden,
was ihrem Antlitz Glück und Lächeln gab.

So auch in mir, – den immer graute
früh her, verschlimmert Jahr um Jahr
entstand ein Sein, das etwas blaute -
und eine Stunde ohne Trauer war.
(Im April 1954)

„Beim Anhören von Versen / Des todessüchtigen Benn / Habe ich auf Arbeitergesichtern einen Ausdruck gesehen / Der nicht dem Versbau galt und kostbarer war / als das Lächeln der Mona Lisa“  (Brecht, 1953)

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Natur

Ich dachte Natur, da will ich hin,
an den Wurzeln reißen, Blut spucken,
den Sternen winken, bis der Arzt kommt.
Ich kam in den Wald, zog das Fell drüber,
kletterte in den Bäumen, von den Spechten gegrüßt,
von den Eichhörnchen gefürchtet, griff zur Liane,
die nur ein Ast war, ich dachte, Natur,
wie komme ich da wieder heraus.

Stephan Turowski

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