Aktuell

 

“Landschaften, Ufer”, Tzveta Sofronieva

Montag, 14. Juli 2014, 20:00, Club Voltaire, Tübingen.

Buchvorstellung und Diskussion

mit Tzveta Sofronieva (Bulgarien), Dennis Maloney (USA) und Willis Barnstone (USA)

Der dreistimmige Poesieabend von Willis Barnstone, Tzveta Sofronieva und Dennis Maloney wird einen Einblick in das Werk der Dichter in deutscher und englischer Sprache ermöglichen. Bei ihrer ersten persönlichen Begegnung werden sie über das Vermitteln und Übersetzen von Lyrik und über ihre eigene Arbeit diskutieren. Die deutsche Dichterin bulgarischer Herkunft liest aus dem preisgekrönten Buch „A Hand full of Water“ (White Pine Press 2012) und aus ihrem neusten Gedichtband „Landschaften, Ufer“ (Hanser, 2013) und stellt die beiden US-Gäste mit von ihr übersetzten neuen Gedichten vor.

In Zusammenarbeit mit dem Verlag Schiler und der Literarischen Buchhandlung Quichotte, beide Tübingen, unterstützt vom Verlag White Pine Press und von der Robert-Bosch-Stiftung.

 

 

 

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Der Kalender für 2013:

“Büchermenschen in Baden und Württemberg 2013″

Klöpfer & Meyer Verlag, Tübingen.

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Wenn der Sommer vorbei ist und die Ernte in die Scheuern gebracht ist, wenn sich die Natur niederlegt, wie ein ganz altes Pferd, das sich im Stall hinlegt,
so müde ist es – wenn der späte Nachsommer im Verklingen ist und der frühe Herbst noch nicht angefangen hat –: dann ist die fünfte Jahreszeit.
Nun ruht es. Die Natur hält den Atem an; an andern Tagen atmet sie unmerklich aus leise wogender Brust. Nun ist alles vorüber: geboren ist, gereift ist, gewachsen ist, gelaicht ist, geerntet ist – nun ist es vorüber. Nun sind da noch die Blätter und die Gräser und die Sträucher, aber im Augenblick dient das zu gar nichts; wenn überhaupt in der Natur ein Zweck verborgen ist: im Augenblick steht das Räderwerk still. Es ruht.
Mücken spielen im schwarz-goldenen Licht, im Licht sind wirklich schwarze Töne, tiefes Altgold liegt unter den Buchen, Pflaumenblau auf den Höhen … kein Blatt bewegt sich, es ist ganz still. Blank sind die Farben, der See liegt wie gemalt, es ist ganz still. Boot, das flußab gleitet, Aufgespartes wird dahingegeben – es ruht.
So vier, so acht Tage –
Und dann geht etwas vor.
Eines Morgens riechst du den Herbst. Es ist noch nicht kalt; es ist nicht windig; es hat sich eigentlich gar nichts geändert – und doch alles. Es geht wie ein Knack durch die Luft – es ist etwas geschehen; so lange hat sich der Kubus noch gehalten, er hat geschwankt … , na … na … , und nun ist er auf die andere Seite gefallen. Noch ist alles wie gestern: die Blätter, die Bäume, die Sträucher … aber nun ist alles anders. Das Licht ist hell, Spinnenfäden schwimmen durch die Luft, alles hat sich einen Ruck gegeben, dahin der Zauber, der Bann ist gebrochen – nun geht es in einen klaren Herbst. Wie viele hast du? Dies ist einer davon. Das Wunder hat vielleicht vier Tage gedauert oder fünf, und du hast gewünscht, es solle nie, nie aufhören. Es ist die Zeit, in der ältere Herren sehr sentimental werden – es ist nicht der Johannistrieb, es ist etwas andres. Es ist: optimistische Todesahnung, eine fröhliche Erkenntnis des Endes. Spätsommer, Frühherbst und das, was zwischen ihnen beiden liegt. Eine ganz kurze Spanne Zeit im Jahre.
Es ist die fünfte und schönste Jahreszeit.
Kurt Tucholsky

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